Bern

Vom Lob der Langsamkeit

Entschleunigung ist ein Modewort – und ein Zauberwort. Es weckt die wohlige Vorstellung von Ruhe, von einem Schonraum jenseits von Lärm und Hektik. Und beschreibt sehr treffend, was man als Besucher der kleinen Schweizer Bundeshauptstadt erleben kann. In Zeiten, in denen Magazine mit Burn-out-Titeln Auflage machen, be- kommt die sprichwörtliche Berner Langsamkeit eine ganz neue Qualität. Beständigkeit und Behaglichkeit spiegeln sich in der mittelalterlichen Stadt-Architektur wider, die prächtig konserviert ist. Seit 1983 zählt der Altstadtkern zum UNESCO Welterbe und befindet sich damit in bester Gesellschaft mit Venedig und Florenz. Ganz Bern ist ein Freilichtmuseum – aber ein höchst lebendiges. Mit hippen Cafés, stylischen Restaurants und bezaubernden Shops. Alle Sehenswürdigkeiten lassen sich zu Fuß entdecken. Und weil Bern vor gut 800 Jahren von den Zähringern geplant wurde, quasi auf dem Reißbrett entstand, ist die Orientierung leicht. Die Kramgasse mit dem Zeitglockenturm bildet die Mittel- achse, flankiert von Münstergasse und Rathausgasse. Beim Streifzug durch die sechs Kilometer langen berühmten Laubengassen, die vor Wind und Regen schützen, über das Kopfsteinpflaster, das die Jahrhunderte plan geschliffen haben, passiert man die sandsteinfarbenen Patrizierhäuser, die überlebensgroßen Figuren der Zünfte und Gilden auf der Kramgasse, die elf Brunnen mit ihren Renaissance- Allegorien, das prachtvolle Portal des Münsters, dessen 200 Figuren Szenen aus dem Fegefeuer abbilden – das vielleicht kostbarste Kunstwerk Berns.

Gleichzeitig wirkt die Altstadt in ihrer Geschlossenheit wie ein schützendes Biotop, in dem originelle Ideen gedeihen können. In einem der behäbigen Häuser auf der Rathaus gasse haben drei Freundinnen gerade einen kleinen Laden eröffnet, wo es alles zu kaufen gibt, was den Feierabend schöner macht. Goldschmiede- und Modeateliers säumen die Münstergasse und genau wie im Mittelalter kann man die Inhaber im hinteren Teil in ihrer Werkstatt arbeiten sehen, während sich zur Gasse hin der Laden befindet. Der Altstadtkern gleicht einer Halbinsel, die von der Aare-Schleife umschlungen ist, immer tiefer hat sich im Lauf der Jahrhunderte der Fluss in sein Tal gegraben. Von den Brücken über die Aare bieten sich die schönsten Ausblicke auf die Altstadt.

Paul Klee hat diese Blicke über seine Stadt in zahllosen Skizzen und Bildern festgehalten, die man im aufsehenerregenden Museumsneubau von Renzo Piano sehen kann. Und wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass der geniale Albert Einstein in seinem Wohnhaus an der Kramgasse seine Relativitätstheorie entwickelte, die unser Denken revolutionierte. Dazu ein cool gestyltes Kaffeehaus in Räumen, die noch die Aura des großen Einsteins atmen, ist eine unwiderstehliche Kombination.

Wer essen gehen will, tut gut daran zu reservieren, schon mittags sind die Restaurants brechend voll. Auch so eine Berner Spezialität, man trifft sich zum ausgedehnten geselligen Mittagessen, nicht nur zum hastigen Power-Lunch. Und dann gibt es noch ein ganz spezielles Sommervergnügen: das Baden in der Aare. Die Berner lieben ihren Fluss, er ist Lebensader, am Aare-Ufer trifft man sich, sonnt sich, lässt sich entspannt im Wasser treiben.