Sea Cloud II - Vom Winde verführt

Es ist eine Floskel, die eigentlich nur einmal einem James Bond Film gut stand: „Sag niemals nie“. Kein Freund der so beliebten ‚typischen’ Kreuzfahrten sagte ich bis dato kategorisch „niemals“ wann immer das Gespräch darauf kam. Dennoch konnte ich auch meine Begeisterung für klassische Segelschiffe noch nie verleugnen und so war meine Gegenwehr gegen eine Reise von Piräus nach Istanbul in wenigen Minuten gebrochen. Denn eines der schönsten Segelschiffe der Weltmeere, der Rahsegler Sea Cloud II, und der bloße Gedanke an den Wind in ihren riesigen weißen Segeln haben mich im Handumdrehen „verführt“.

Kennenlernen

Juli 2012. Der Hafen von Piräus ist nicht gerade klein und immer wieder versuche ich bei der Ankunft zwischen den großen Schiffsboliden einen Blick auf die Sea Cloud II zu ergattern. Vergebens, nicht mal ihr 57m hoher Hauptmast hat eine Chance gegen die 6 plus X Stockwerke der monströsen Kreuzfahrtschiffe. Aber dann ist es soweit, ein kleiner Bus bringt unsere übersichtliche Gruppe zum richtigen Pier, die Tür öffnet sich und ich stehe endlich vor meinem Gastgeber der nächsten sieben Tage. Einige Besatzungsmitglieder des Seglers – allen voran Liza die Chefstewardess – in schicken blau-weißen Marineuniformen empfangen die Passagiere herzlich und müssen mich beim Überreichen des Bordausweises mehrmals ansprechen, da ich (und nicht nur ich) mir den Hals verrenke, um die Ausmaße der gesamten Takelage zu bestaunen.

Mit steifem Hals gehe ich die Treppe hinauf zum Promenadendeck und setze den ersten Schritt auf das feine Teak der Sea Cloud II. Es fühlt sich selbst unter den Schuhsohlen noch perfekt an und augenblicklich beginnt eine leidenschaftliche Beziehung zwischen mir und der eleganten, majestätischen Lady auf dem Weg zu meiner Kabine. Das Eintreten in diese Welt von ausnahmslos hochwertigen Materialien und warmen Farben setzt bei mir jede Menge Glückshormone frei. Zusammen mit der praktischen Aufteilung und der erstaunlichen Größe (letztlich der wahre Luxus auf jedem Schiff), lässt dieses Ambiente das so wichtige Gefühl in mir aufsteigen, dass ich mich hier unendlich wohl fühlen werde. Gleichzeitig sind nun natürlich meine Neugierde und mein Tatendrang geweckt. Ich will dieses Schiff erkunden, erforschen, kennenlernen. Dennoch zwinge ich mich noch schnell dazu, mein bestes Stück aus dem Koffer zu nehmen und in den Schrank zu hängen. Wer möchte schon mit verknittertem Anzug beim Captain’s Dinner erscheinen.

Miss Ocean

Sie werden es nicht glauben, aber auf sieben Tagen an Bord dieser Lady haben meine Hände oder Füße niemals auch nur einen winzigen Fleck Unangenehmes berührt. Ich habe dabei besonders dieses rostende, mit 10 Farbschichten belegte und nach Diesel riechende Schiffsmetall vor Augen. Jeder Millimeter Schiffsdeck auf der Sea Cloud II besteht aus diesem wundervollen Teak, welches nach dem Sand der Malediven vielleicht die zweitschönste Verlockung ist, barfuß Laufen zu wollen. Ansonsten dominiert auf dem Promenadendeck oder Lidodeck klassisches, dunkelrot leuchtendes Mahagoni. Die Betonung liegt auf „leuchtend“. Wind und Wetter auf rauer See hinterlassen in kürzester Zeit matten Lack auf dem edlen Holz – nicht auf der Sea Cloud II, die sich so perfekt präsentiert, als läge ihr Stapellauf erst wenige Wochen zurück.

Dahinter steckt eine fantastische Crew, die rund um die Uhr liebevoll ihr „Baby“ pflegt und versorgt und zur Begeisterung aller Passagiere in bestechender Form hält. „Miss Ocean“ könnte jederzeit ohne weitere Vorbereitung an jedem Schönheitswettbewerb teilnehmen.

Geschichte

Ein Windjammer hat eine Geschichte. Die der Sea Cloud II beginnt eigentlich bereits 1931, als ihre Schwester Sea Cloud im Auftrag eines Wall Street Brokers in Kiel erbaut wurde. Und seine Frau war es, die den Charakter der Sea Cloud prägte. Nach dem Verkauf des Großseglers 1955 gab es manch dunkles Kapitel in der Entwicklungsgeschichte der einstmals mondänen Privatyacht – bis sie 1978 von einer Gruppe Hamburger Reeder und Kaufleute entdeckt und zu neuem Leben erweckt wurde. Im Februar 1979 wurde die Sea Cloud durch den Nord-Ostsee-Kanal nach Kiel verholt, für die umfangreichen Instandsetzungs- und Umbauarbeiten. Bereits acht Monate später ging die Sea Cloud auf ihre erste Kreuzfahrt und ist seitdem wieder auf den Weltmeeren zu Hause.

Schnell überstieg die Nachfrage das Angebot und die alte Dame sollte eine junge Schwester bekommen. Die Sea Cloud II wurde von Anfang an als eine echte Bark geplant – als dreimastiges Segelschiff mit zwei voll getakelten Masten und einem Besan, dessen Rigg traditionell, wie es Anfang des 20. Jahrhunderts üblich war, komplett von Hand bedient wird. Für die Sea Cloud II kam am 6. Februar 2001 der große Tag – zwölf Monate später als geplant – an dem Sabine Christiansen bei strahlender Sonne die Worte sprach „Ich taufe dich auf den Namen Sea Cloud II und wünsche dir und allen, die mit dir über die Weltmeere segeln, allzeit gute Fahrt und immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel“ und sie ließ die Champagnerflasche am Bug des Schiffes in tausend Scherben zerspringen.

Familienbande

Rahsegler, Windjammer, Bark – alles dreht sich nur ums Schiff. Doch was ist ein Schiff ohne seine Crew? Oder viel mehr, was ist ein Segelschiff ohne Crew? Die Antwort: Windstille. 65 Mann zählt die Besatzung und jeder, ob im Restaurant, der Lido Bar, der Kombüse, den Kabinen, dem Maschinenraum oder an Deck erledigt seine Aufgabe mit mehr als nur äußerster Sorgfalt – mit Stolz, Teil der Familie des Windjammers zu sein.

Wie viel Stolz und wie viel Freude man dabei empfinden kann beweist das älteste Sea Cloud-Familienmitglied Avelino. Angefangen auf der Sea Cloud und nun auf deren Schwester ist er mit Leib und Seele Chef der Lido Bar und feiert während unserer Reise sein 30jähriges Jubiläum. Unvorstellbar! In Worten „dreißig“ Jahre im Dienst einer schwimmenden Bar, aber eben einer mit Stil. All die harte Arbeit der Crew bleibt uns Gästen für gewöhnlich verborgen, es sei denn, Kapitän Evgeny Nemerzhitsky greift endlich zum Walkie-Talkie und gibt das Kommando, auf das alle gespannt warten: „Set sail!“ Jetzt ist die Crew in voller Aktion und für die Matrosen geht es den vorderen Fock- und mittleren Großmast in atemberaubende Höhe von bis zu 50 Metern hinauf. Angeseilt wie Bergsteiger in der Steilwand werden die Schlaufen für 3.000 Quadratmeter Segelfläche gelöst und dann bekommen die drei kahlen Masten der Bark ihr weißes Kleid: Die Sea Cloud II steht unter vollen Segeln. Sie denken das war es? Nein, jetzt beginnt das richtige Unterhaltungsprogramm des Windjammers, denn die großen Dieselmotoren haben Pause und der Wind in den bis zu 24 Segeln lässt das Schiff über das Meer gleiten. Kein Brummen, keine Resonanzen, nur das sanfte Rauschen des Wassers und des Windes. Der Wind, der immer wieder leise „Entdecke die Welt“ flüstert und die Sehnsucht nach der Ferne und dem Unbekannten weckt.

Seesterne

Auf Kreuzfahrten wird Früh, Mittags, Nachmittags, Abends und um Mitternacht vorwiegend eins getan: Gegessen! Die Kreuzfahrtriesen mit ihren bis zu zehn Restaurants legen viel Wert auf Essen und Trinken, denn es ist ja „all inclusive“. Und die Reeder wissen das und versorgen ihre Kunden entsprechend mit Menüs, deren Gänge zweistellig sind oder mit kilometerlangen Buffets. Verführerisch ist das schon, sinnvoll sicher nicht. Das „Nein, nun ist genug“ scheitert täglich an unserer angeborenen Schwäche, den duftenden und reizvollen Verführungen nachzugeben. „Es ist ja Urlaub“ wird unsere Ratio von unserem Verlangen überredet, leider Tag für Tag. Die Rechnung lässt nicht lange auf sich warten: Es sind nicht Euros, es sind Kilos mit denen man bezahlt.

Wer viel reist wie ich, weiß erst recht eine „gute“ Küche zu schätzen. Gut bedeutet sinnvoll. Auf der Sea Cloud II weiß man genau, Nouvelle Cuisine sollte keine Reue verursachen, sondern eher mit Leichtigkeit, Ausgewogenheit und Maß ein Wohlgefühl erzeugen. Und schließlich geht es auch um Kreativität: Der Gaumen gewöhnt sich schnell an das Gute. Täglich Austern & Co. langweilen ziemlich schnell und schaffen es ganz bestimmt nicht, sieben Tage lang den Gaumen zu „kitzeln“. Den Namen Chef de Cuisine verdient, wer noch am letzten Tag überrascht. Ich lese nicht gerne poetische, viel versprechende Menüs und werde dann mit banalen Kochkünsten zutiefst enttäuscht. Créme Brûlée. Man hat es schon tausendmal gegessen, aber nicht als „Orangen Thymian Créme Brûlée“. Ebenfalls zu den Highlights der Woche zählt das „Rinderfilet mit Wirsing-Chartreuse und Thymianbaumkuchen“, „Zweierlei vom Lamm mit gefüllter Peperonata und Polenta“ oder das „Rosmarin Panna Cotta mit Blaubeerkompott“. Chef de Cuisine Stefan Schmidt zieht bei Kreativität alle Register und was auf seiner Karte steht verspricht auch für den verwöhnten Gaumen Glücksgefühle.

Glücksgefühle verlangen nach Wein, gutem Wein und den bekommt man natürlich auch. Man muss sich dafür nicht in der umfangreichen Weinkarte am gemeinsamen Tische „beweisen“ und verzweifelt einen berühmten „Ich will mich nicht blamieren“-Bordeaux oder Toskaner ordern. Die Wahl der als Sommelier fungierenden Restaurantchefin ist vortreff- lich und fast immer auf den Punkt zum Menü. Meine Wertung: drei Seesterne.

Ach ja...die Reise

Fast hätte ich vergessen, wir haben natürlich eine Kreuzfahrt gemacht: von Piräus nach Istanbul. Man sagt ja, der Weg sei das Ziel, doch für die meisten Passagiere zählt sicherlich das Erlebnis Sea Cloud II und die Reiseroute steht erst an zweiter Stelle. Man vertraut einfach auf die generelle Schönheit der Weltmeere, was auch die Ägäis unter Beweis stellt. Über das tief blaue Meer segelt die Sea Cloud II zu vielen malerischen griechischen und türkischen Orten, gespickt mit antiken Sehenswürdigkeiten. Darunter sind einige Weltkulturerbe-Stätten der UNESCO zu sehen, wie die königliche Oberstadt mit ihrer Palastanlage von Mykene auf Peloponnes, das Johanneskloster auf Patmos und nicht zuletzt der antike Höhepunkt Pergamon auf dem türkischen Festland bei Dikili.

Sie kümmern sich dabei um nichts, denn alle Ausflüge sind von Liza perfekt organisiert und werden mit zauberhafter Stimme (zuzüglich Außentemperatur, Kleidungsvorschlag und Tagesablauf) über die Bordlautsprecher angekündigt. Und Liza ist es auch, die mit Freude ver- kündet, dass Kapitän Evgeny Nemerzhitsky das Schiff kurzerhand stoppt und die Badeplattform öffnet. Keine Zeit zum Überlegen! Diese Chance muss genutzt werden, um sich in der kühlen Ägäis zu erfrischen – da kann kein Pool der Welt mithalten.

Die ganz großen Gefühle auf der schönen Lady werden auch nicht durch Unterhaltungsprogramme, Kinos oder Clubs, wie auf den großen Luxusschiffen, erzeugt. Am frühen Morgen, wenn die Sonne sich am Horizont zeigt, ist das Lidodeck die Bühne für diese einmalige Mischung aus Licht, Stille und dem Gefühl von Freiheit. Diesen Augenblick möchte man auch am letzten Morgen der Reise auf keinen Fall missen, denn es ist Istanbul, das auf die Einfahrt der Sea Cloud II wartet. Entlang des Bosporus mit Blick auf die Hagia Sophia und die Blaue Moschee legt „für uns“ die Crew zum letzten Mal an. Wehmut, das Schiff nun verlassen zu müssen und Freude über das im Morgenrot leuchtende Istanbul bilden ein Wech- selbad der Gefühle.

Der Abschied fällt nicht leicht, denn jede Sekunde hat man in vollen Zügen genossen und das Gefühl von Freiheit inhaliert. Die Metropole am Bosporus kann die Trauer etwas lindern. Und so verbringt, bzw. feiert fast jeder Passagier noch einige Tage in der türkischen Hauptstadt: eingeladen durch das türkische Nachtleben, verleitet durch die wundervollen Tage an Bord.

Auf ein Wort

Genau - Sie wissen es schon lange, wie begeisternd eine Kreuzfahrt auf diesem romantischen Windjammer ist und wollen schon längst einmal buchen. Aber ihr Mann wehrt sich immer wieder. Er will zum 30ten mal zu dem Golfclub in der Türkei, er wehrt sich gegen Neues und er verspricht am Ende: nächstes Jahr ... jedes Jahr.

Liebe Leserinnen, er wird es nie verstehen, er will es auch nicht verstehen (Ich habe es auch nicht verstanden) und Sie haben lange genug nachgegeben. Buchen Sie eine schöne Kabine auf der Sea Cloud II und überraschen Sie ihren Mann mit „Tatsachen“. Er tauscht die Golfschläger und Vorurteile gegen gute Laune und geht mit Ihnen endlich wieder auf Entdeckungsreise. Spätestens auf dem Lidodeck, wenn die Segel gesetzt sind und der Wind auch ihren Mann verführt hat, wird er in Ihr Ohr flüstern: „An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit...“

 

Schiffe: Sea Cloud, Sea Cloud II, River Cloud II

Sea Cloud II: Einmalig ist die exklusive intime Atmosphäre an Bord für max. 94 Gäste, um deren Wohl sich eine ca. 65-köpfige Crew kümmert: Betreuungsverhältnis 1:1,5. Segeln Sie in einer der 47 Außenkabinen mit dem Wind in den 23 Segeln einem der traumhaften Ziele entgegen.

Fakten:

Baujahr 2001

Länge über alles 117 m

Tiefgang 5,70 m

Höhe des Großmastes 57 m (über Deck)

Gesamtsegelf läche 3.000 mÇ

Anzahl der Segel 23

Geschwindigkeit ca. 14 kn (max.)

Reisereichweite 7.800 sm

Kabinenanzahl 47

Passagiere 94 (max.)

Besatzung 65 (ca.)

 

Buchung und Informationen:

www.seacloud.com