Sylt - Gegen den Winterblues

GEGEN DEN WINTERBLUES

Kenner kommen im Winter. Die Luft ist klarer noch als sonst, die Brandung tost heftiger, der Horizont dehnt sich weiter. Es ist die Zeit der endlosen Strandspaziergänge. Feine Sylter Hotels sind bestens dafür gerüstet, Wind und Wetter zu trotzen. In den Gourmetrestaurants hat man gute Chancen, auf Anhieb einen Tisch zu bekommen.

Alle reden vom Wetter? Sylt-Liebhaber nicht. Ins Reisegepäck gehört eine warme Mütze, der Kaschmirpullover ist ohnehin Teil der Sylt-Grundausstattung, ebenso die winddichte Jacke. Und dann geht es raus an die weiten Sandstrände mit den endlosen Horizonten. Ob nach Rantum, wo die unvergleichliche Sansibar lockt oder nach Kampen und dem Roten Kliff, das ist Geschmackssache. Immer am Wassersaum entlang, kämpft man gegen den Wind oder lässt sich kräftig anschieben. Und läuft noch ein Stück weiter, zur nächsten Buhne, zum nächsten Strandcafé, noch ein bisschen näher an den Leuchtturm, dem Wegweiser in den Dünen. Strandspaziergänge auf Sylt liefern pure Energie. Es sind die Gezeiten, das ständige Kommen und Zurückfluten des Wassers, der Wind, der alles verwirbelt, den Kopf frei bläst. Und im Handumdrehen sind drei Stunden vorbei statt der geplanten einen.

Höchste Zeit, über einen der silbrig schimmernden Holzplankenwege über die Dünen zu steigen und einzukehren auf einen wärmenden Friesentee. Auch so eine Sylter Leidenschaft. Kluntje und Sahne kommen hinein, umgerührt werden darf nicht. Das erste Drittel, die Sahne, ist nahrhaft, das zweite Drittel bringt den Teegenuss, das letzte Drittel mit dem Kluntje den süßen Abschluss. Man schaut in die Wolken, die der Wind zu immer neuen Formationen auftürmt, atmet die salzige Gischt ein. Dann reißt die Wolkendecke auf, der Himmel zeigt sich seidig blau und es ist eigentlich wie immer. Man setzt sich in einen der blauweiß gestreiften Strandkörbe und blinzelt in die Sonne. Beneidet die Surfer um ihren waghalsigen Ritt auf den Wellen. Lässt sich dazu animieren, trotz der frostigen Temperaturen die Schuhe auszuziehen und die Füße in den Sand zu strecken. Noch Wagemutigere trauen sich auch in der kalten Jahreszeit in Kampens Strandsauna „La Grande Plage“. Im Holzhaus am Dünenrand lässt es sich wohlig schwitzen. Durch ein Bullauge blickt man übers Meer und fühlt sich wie auf einem Schiff. Dass man nach dem Saunagang über den ziemlich breiten Strand flitzt und sich in die eiskalte Nordsee stürzt, ist Ehrensache.

Stiller geht es auf der Wattseite zu. Auf einem Spaziergang durch die Braderuper Heide, wo auch Ende November noch vereinzelt das Heidekraut blüht, schlendert man an einigen von Deutschland teuersten Immobilien vorbei, Reetdachhäuser, die sich hinterm Friesenwall schützend unter ihre tief gezogenen Dächer ducken, bevor das Ziel aller Braderuper Spaziergänger erreicht ist, die legendäre Kupferkanne inmitten eines 28 000 Quadratmeter großen Naturparks. Das Innere des ehemaligen Flakbunkers ist ein Labyrinth der Behaglichkeit, verwinkelt und anheimelnd mit zahllosen kleinen Stuben, in denen riesige frisch gebackene Stücke Blechkuchen serviert werden. Wer die ganz große Einsamkeit sucht, muss an den Ellbogen ans nördliche Ende der Insel. Und wer über gute Kondition verfügt, kann in vier Stunden das Naturschutzgebiet am Strand ablaufen. Roman Polanski hat hier für seinen Film „Ghostwriter“ mit Ewan McGregor gedreht und Sylt kurzerhand zur US-Ostküsteninsel Martha’s Vineyard umfunktioniert.

An der Südspitze in Hörnum lässt sich Sylt aus der Vogelperspektive erleben. Der 34 Meter hohe Leuchtturm mit Deutschlands ehemals kleinster Schule ist der einzige, der besichtigt werden kann. Und es lohnt sich, die 129 Stufen bis zum Leuchtfeuer, das noch immer in Betrieb ist, hoch zu steigen. Oben angekommen, eröffnet sich ein weiter Blick vom Hafen und dem neuen Markenzeichen, dem Hotel Budersand, über die Südspitze bis nach Amrum und Föhr. Heute braucht es eineinviertel Stunden die Hörnumer Odde zu umwandern, berichtet der Leuchtturmführer, wenige Jahrzehnte zuvor hat derselbe Weg annähernd vier Stunden gedauert. So heftig haben die zunehmenden Sturmfluten an der Insel genagt. Verletzlich und betörend schön ist diese Landschaft aus Strand, Sand, Himmel und Meer, die sich vor den Augen ausbreitet. Ein Landschaftsbild, das süchtig macht. Die Insel verlassen, so viel ist klar, wenn man im Zug sitzt und über den Hindenburgdamm zurückfährt, das geht überhaupt nur mit der felsenfesten Gewissheit, ganz bald wiederzukommen.

Menschen auf Sylt

Der Strandkorbbauer

Ohne ihn sähen die Sylter Strände anders aus. In dritter Generation fertigt die Familie von Willy Trautmann in ihrer Manufaktur im Rantumer Hafen Strandkörbe, die den perfekten Schutz vor der steifen Nordseebrise bieten. Erfunden wurde der Strandkorb zwar im Ostseebad Warnemünde, aber der war rund und starr. Dass man sich heute in einem komfortabel breiten Korb zum Sonnen - gerne auch zu zweit - bequem zurücklehnen kann, ist die Erfindung des Schwiegervaters. Die Luxusvariante, den Softlifter, der von innen bedienbar ist, hat Willy Trautmann selbst entwickelt. Strandkörbe werden immer noch von Hand gefertigt, Tischler, Näher, Polsterer und Korbmacher sind beteiligt. 122 verschiedene Holzleisten werden gebraucht. Polyäthylen-Fasern machen heute die hochwertigen Körbe haltbarer. 15 bis 20 Jahre sollten es schon sein. Trautmann ist ein Tüftler, immer darauf aus, seine Körbe zu perfektionieren. Für den Lister Fischpapst Gosch hat er die Gosch-Lounge gebaut, einen Korb mit Tisch für sechs, bei dem man sich gegenübersitzt. Für Johannes King einen beheizbaren Strandkorb konstruiert, in dem die Suitengäste des Söl’rings Hof auch bei Sturm und Minusgraden den Blick über die Dünen genießen. Einen Hundestrandkorb mit Trink- und Fressnapf in der Schublade hat er seiner Tochter für ihren Jack Russel geschenkt. Zwei der Trautmannkörbe reisten bis Neuseeland, 24 stehen in einem Nobelhotel am Cap Cod. Als von dort nach einem Sturm ein telefonischer Hilferuf kam, hat er kurzerhand sein Material eingepackt und ist an die US-Ostküste geflogen, um die demolierten Körbe zu reparieren: „Die sahen hinterher wie neu aus.“
Trautmann ist passionierter Segler, ist mit seiner Tochter und seinem Katamaran Hobie 16 bei der Weltmeisterschaft in Port Elizabeth 2005 ums Kap gesegelt, aber länger als drei Wochen kann der gebürtige Sylter nicht wegbleiben. Dann wird das Heimweh nach Hörnum, wo sein Katamaran liegt, übermächtig. „Ich kann den Kopf noch so voll haben, sobald ich aufs Boot gehe, Richtung Föhr raussegle und auf Sylt zurückschaue, wie es so friedlich daliegt, ist aller Ärger vergessen.“
www.sylt-strandkoerbe.de

Der Sternekoch

Johannes King war eingefleischter Syltgegner, als er vor zwölf Jahren das Angebot bekam, den Söl’ring Hof zu führen. Damals betrieb er in Berlin ein Restaurant, war vom Gault Millau gerade zum Aufsteiger des Jahres gekürt - und zahlte 300 Euro pro Monat für Strafzettel wegen Falschparkens. Geld, das er nun in Wein investiert. Denn natürlich konnte er die Offerte nicht ausschlagen. Den Söl’ring Hof, dieses Kleinod in den Rantumer Dünen mit nur 15 luxuriösen Zimmern und einem Gourmetrestaurant zu übernehmen, bedeutete einen Neuanfang, eine Lebensaufgabe, die er mit großer Hingabe und tatkräftiger Unterstützung von Gastgeberin Claudia Reichelt meistert.
Saisonal und regional ist seine Küche – und hoch artifiziell. Sich von Johannes King die Entstehung einer Vinaigrette erklären zu lassen, mit frisch gepressten Gemüsesäften, einer Komposition aus Wildkräutern und unterschiedlichen Ölen, kann zum abendfüllenden Programm werden. Seine mit zwei Sternen gekrönte Küche funktioniert nach dem Setzkastenprinzip und jeder Baustein muss perfekt sein. Immer auf der Suche nach dem noch besseren Produkt frönt er einer neuen Leidenschaft: Er bewirtschaftet einen Bauerngarten in den Morsumer Wiesen, in dem Gemüse und Kräuter angebaut werden.
Dem Gast „die Tiefe im Genuss zu vermitteln“, ist ihm Herzensangelegenheit. Deshalb offeriert er nur einen einzigen Armagnac, aber davon 20 Jahrgänge, der älteste stammt von 1923. Dass ihm und seinem eingespielten Team in der offenen Restaurantküche die Gäste ständig auf die Finger schauen können, stresst ihn nicht. „Im Gegenteil, da kommt Ruhe in die Abläufe. Es wird nicht geschrien, es gibt keine Hektik.“ Da ist sie wieder zu spüren, die Bodenhaftung, die der Sternekoch, der auf einem Schwarzwälder Bauernhof mit neun Geschwistern aufgewachsen ist, trotz des alljährlichen Promiauflaufs in seinem Hideaway, nicht verloren hat. Und Sylt? Es war Liebe auf den zweiten Blick, und die ist nicht selten intensiver und beständiger. Längst ist ihm die Insel Heimat geworden. Er liebt den Wind und die dicken Wolken. Immer noch fasziniert ihn der Gegensatz von offenem Meer mit der tobenden Brandung und dem Watt, „wenn sich das Meer zurückzieht, so still und leise.“

 

Anreise:

Mit dem Auto per Zug-Shuttle über den Hinden- burgdamm. Reservierungen sind nicht möglich. Mit der Bahn z.B. ab Hamburg Fahrtdauer ca. drei Stunden. Air Berlin fliegt von mehreren deutschen Flughäfen direkt nach Sylt. Auskünfte erteilt Sylt-Marketing

www.sylt.de · Tel. 04651 / 82020