Vieles neu auf Norderney

 

Eine kleine lebhafte Stadt mit großer Geschichte, ein ausgedehntes einsames Naturschutzgebiet, dazu endlose Sandstrände, das Watt und eine vielfältige Dünenlandschaft. Das alles ist Norderney. Was für ein Glück, dass es neuerdings lässige Strandbars und -cafés gibt wie auch chice Hotels, die einen lässigen Vibe auf die Ostfrieseninsel bringen. Wenn während der knapp einstündigen Überfahrt mit der Fähre Norderney am Horizont auftaucht, erschließt sich auf den ersten Blick, was die zweitgrößte der sieben ostfriesischen Inseln besonders macht. Im Nordwesten der gerade mal 26 Quadratkilometer großen Insel drängt sich die städtische Bebauung, nach Osten hin, klar abgegrenzt, gibt es nur Natur. Dünen, Watt und Salzwiesen. Sandstrände breiten sich aus, dahinter schützen grasbewachsene Deiche die Insel. Bei Ebbe schaut man auf die gekräuselten Linien des Wattschlicks, die von mäandernden Wasserläufen, den Prielen, durchzogen werden.

Nicht zu übersehen entlang der Küstenlinie sind die Betonkasten-Bausünden der sechziger Jahre. Dazwischen leuchten weiß glänzende Fassaden  neoklassizistischer Bäderarchitektur. Sie erinnern an die große Geschichte der Insel und daran, dass Norderney für sich den Titel des ältesten Seebades an der Nordsee beanspruchen kann und glanzvolle Zeiten erlebte. Bereits 1797 wurde nach dem Vorbild der englischen Seebäder ein eigenes Seebad auf Norderney gegründet, das zweite nach Heiligendamm an der Ostsee. König Georg V. von Hannover, der fast erblindet war, fühlte sich auf der Insel sicher und aufgehoben, genoss das raue Seeklima und machte Norderney zu seiner Sommerresidenz. Im Gefolge der königlichen Hoheiten kamen Künstler, Maler und Schriftsteller. Neoklassizistische Seevillen wurden gebaut, schließlich musste der Adelstross standesgemäß beherbergt werden. Straßennamen wie von Bülow oder Bismarck erinnern noch heute an die illustren Gäste. Man traf sich im eigens gebauten Conversationshaus, wo man im Weißen Saal rauschende Bälle feierte. Ein kleines Schmuckstück ist das knapp hundert Jahre später gebaute plüschig-rote Residenztheater mit einem phänomenalen Decken-Lüster, der ganz im Original erhalten ist. Während der napoleonischen Kriege wurde die Insel zum Spielball der europäischen Mächte und von Franzosen und Niederländern besetzt. Auf der Inselmitte kann man immer noch die Napoleonschanze besichtigen, mit der während der Kontinentalsperre Zuckerlieferungen nach England verhindert werden sollten, was den Schmuggel blühen ließ und manchem Inselbewohner ein ordentliches Zubrot verschaffte.

Norderney ist eine kleine Insel mit einer erstaunlichen Geschichte, obwohl sie in erdgeschichtlichen Dimensionen gerechnet immer noch ein Küken ist. Verglichen mit den nordfriesischen Inseln, zu denen Sylt gehört, die einmal Festland waren, ist Norderney nichts anderes als eine große Sandbank, die nach den großen Sturmfluten im 14. Jahrhundert entstanden ist. Der Glanz der mondänen Bäderzeit war längst verblasst und Norderney auf dem besten Weg zur Pommesbuden-Destination zu verkommen, wo sich Kegelvereine lautstark durch die schmalen Straßen drängten. "Qualitätsoffensive" heißt das Zauberwort, das alles änderte. Ein junger Kurdirektor, ein neu gewählter Bürgermeister, ein visionärer Architekt und Städteplaner brachten vor zehn Jahren etwas auf den Weg, was sich so positiv auswirkte, das heute Delegationen der anderen Nordseeinseln anreisen, um sich anzuschauen, wie die Norderneyer den Imagewandel hinbekommen haben. "Back to the roots", lautete der Masterplan. Was nichts anderes hieß, als das alte Erbe Norderneys, das verschütt gegangen war, herauszuputzen, im Stadtbild wieder sichtbar zu machen.

Keimzelle dieser bemerkenswerten Aufwertung war die Sanierung des Badehauses, das gerade sein zehnjähriges Jubiläum feierte und als bestes öffentliches europäisches Bad ausgezeichnet wurde. Das Gebäude war 1930/31 im feinsten Bauhausstil errichtet worden als erstes Seewasser-Wellenbad Europas. Der markante weiße Bau wurde von allen Verschandelungen der vergangenen Jahre befreit,  seine großartige Meerwasser-Schwimmhalle mit Naturstein aus Norwegen ausgelegt, die sie in ein geheimnisvolles Licht taucht. Thalasso und die Heilkraft des Meeres sind die Themen im Badehaus. In Behandlungsräumen kann man sich mit Nordseeschlick verpacken lassen, sich auf jüngst fertig gestellten Massagewasserliegen entspannen oder unter einer sechs (!) Meter hohen Wasserfalldusche den Wasserschwall auf die Schultern donnern lassen. Das Conversationshaus am Kurplatz, wie bei seiner Entstehung mit feinem 'C' geschrieben, ist nach seiner Generalsanierung heute ein ähnlich lebhafter Treffpunkt wie zu den Zeiten, als sich hier Hochadel und Künstler trafen. Im Weißen Saal wurden die abgehängten Decken zurückgebaut, die wertvollen Intarsienarbeiten freigelegt, zugemauerte Fensterbögen geöffnet. Im Eckzimmer lädt die wahrscheinlich schönste Bibliothek der Nordseeküste zum Verweilen und Schmökern ein. Die öffentlichen Anstrengungen wirkten wie eine Initialzündung für private Investitionen. Bummelt man durch das Städtchen mit seinen kleinen Geschäften, kann man sehen, wie überall kleine Gästehäuser im Bäderstil herausgeputzt werden, Veranden, getragen von zierlichen Säulen, wieder geöffnet werden. Ein besonders gelungenes Beispiel ist die Veranda vom Inselloft. Ein Hotel im skandinavischen Stil mit luftigen großzügigen Zimmern und einer unaufgeregten Coolness. Zum Inselloft gehören ein Deli mit Weinhandlung, ein hübscher Shop, eine Bäckerei, in der die besten Semmeln der Insel gebacken werden, wie auch große runde Blechkuchen nach Omas Rezept. Ein Restaurant, das sich Esszimmer nennt, in dem es familiär und entspannt zugeht, man an einem langen Tisch sitzt und sich vom jungen Küchenchef Felix Wessler richtig gut bekochen lässt.

Die Norderneyer Verantwortlichen haben sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Bis 2020 will man sich als Thalassoinsel Nummer eins in Europa positionieren. Einen Markstein auf diesem Weg hat Karl-Hans Sigges in seinem Strandhotel Georgshöhe gesetzt. Sein am Ende der Seepromenade gelegenes Haus bekam einen außergewöhnlichen, 4000 m2 großen Wellnessbereich, in dem sich alles um das Thema Thalassotherapie dreht und der zu den besten Deutschlands zählt. Die Brunes, zwei Brüder, die den Umbau von Badehaus und Conversationshaus verantwortet haben, bauten mit dem Seesteg ein wahres Hotelkleinod direkt am Meer mit nur 16 Zimmern und einem Michelin-Stern-gekrönten Restaurant. Ihr Qualitätsanspruch ist in jedem noch so kleinen Detail spürbar, macht die Insel für eine neue anspruchsvolle Gästeklientel attraktiv. Das Backsteingebäude, das einst während der Wintermonate als Lagerhalle für die Holzbohlen des alten Seestegs diente, hat einen legendären Rooftop-Pool, in dem man parallel zum Küstensaum seine Bahnen zieht und dabei den großen 'Pötten' zuschaut, die am Horizont vorbeiziehen. Von jedem Zimmer schaut man aufs Meer, die Übergänge zwischen drinnen und draußen sind fließend. Auch wenn es im Inneren noch so anheimelnd ist, das Kaminfeuer lodert, die Loungecouchen in der Lobby so bequem sind: Auf Norderney muss man raus. Gerade wenn es stürmt, der Regen aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen scheint, so dass man binnen Sekunden klatschnass wäre, hätte einem nicht die liebenswürdige und umsichtige Gastgeberin des Seesteg mit einer wasserdichten Regenhose versorgt. Man stemmt sich gegen die Böen, stapft am Wassersaum entlang, atmet die salzgesättigte Luft ein, schaut auf die tosende Brandung. Der Himmel liefert ein grandioses Wolkenschauspiel, der Horizont verschwimmt. Mit jedem Schritt stellt sich ein befreiendes Gefühl von Weite, von schierer Grenzenlosigkeit ein. Nur 15 Prozent der Fläche Norderneys sind bebaut. Alles andere ist Natur pur.

Zwei Drittel sind Teil des Nationalparks Wattenmeer, der seit 2009 zum UNESCO Weltnaturerbe gehört. Noch nicht einmal eine Fahrstraße führt zum Inselende. Wer das erkunden will, muss sich zu Fuß aufmachen. Am besten mit einem kundigen Begleiter wie dem früheren Bürgermeister Klaus Aldegarmann, mit dessen Amtszeit die Neupositionierung Norderneys begann und der ein engagierter Botschafter seiner Heimat ist. Auf dem Weg durch die Dünen geht es erst mal  hoch auf eine der neu installierten Thalassoplattformen, die mit Schrifttafeln bestückt Wissenswertes über die Umgebung mitteilen. Unterwegs eröffnet sich eine unerwartet vielfältige Fauna- und Flora-Welt. An manchen Stellen schaut es aus wie in Schottland. Leuchtend grüne Moose und Farne krallen sich an die Dünen, geben ihnen Halt, verhindern, dass der Wind den Sand weitertreibt. Oben angekommen, sieht man in der Ferne Galloway Rinder grasen. Die widerstandsfähigen Rinder werden gebraucht, um das Gras in den Feuchtwiesen kurz zu halten und somit den Lebensraum der Bodenbrüter zu bewahren. Nach dem nächsten Dünenkamm glaubt man sich in Skandinavien. Birkenwäldchen ducken sich im Windschutz der Graudünen. Damwild ist hier heimisch, sogar zwei weiße Hirsche wurden gesichtet. Kritiker, die behaupten, dass Rotwild nicht auf die Insel gehöre, mussten sich eines Besseren belehren lassen, als Mitarbeiter vom Nationalpark neulich während einer Wattwanderung beobachten konnten, wie eine Herde von Rotwild bei Ebbe übers Watt wechselte. In den Dünentälern wächst Heide und Moos. Sie fungieren als natürliche Wasserfilter für das Insel-Trinkwasser, das gänzlich frei von Chemikalien ist und eine, manchmal ein wenig irritierende, bräunliche Verfärbung aufweist. Zehn bis zwölf Millionen Zugvögel nutzen das Watt als Station auf ihrer Reise in den Süden. Dieses eigenwillige Zwischenreich, nicht Meer und nicht Land.

Man kann mit Führern auf Wattwanderung gehen oder sich in der Surfschule am Yachthafen ein Brett ausleihen und gemeinsam mit einem der Surflehrer beim Stand–up-Paddling eine wahrhaft magische Welt entdecken. Man gleitet durch die vom Meer überspülten Salzwiesen, auf Prielen, die sich durch den Schlick schlängeln, vorbei an Tausenden von Seevögeln, die nicht aufflattern, weil man sich auf dem Brett wie lautlos bewegen kann. In den Wasserflächen spiegelt sich der Himmel, der in immer neuen Farben changiert. Der Horizont lässt sich nicht ausmachen, nicht sehen, wo das Wasser endet, der Himmel beginnt. Seehunde räkeln sich auf Sandbänken, lassen sich träge ins Wasser rollen. In Sichtweite der Surfschule, die in einem zweistöckigen Holzschuppen untergebracht ist und fast ein bisschen Karibik-Flair an die Nordsee bringt, kann man Norderneys neuesten Hot Spot entdecken. neysPlace im alten Bootshaus am Yachthafen ist Restaurant, Lounge und Bar. Über die runde Bar wölbt sich ein eindrucksvoller Zehn-Meter-Schirm, unter dem es sich entspannt einen ‚Kalle’ trinken lässt, eine Eigenkreation des Barmanns mit Hibiskuslikör, Ingwer-Lemon-Sirup und Lillet. Vor der weitläufigen Holzterrasse aufgeschütteter Sand und Strandkörbe bringen Strand-Feeling ans Wattenmeer.

Anderntags geht es auf kleinen verschlungenen Fahrradwegen zur Inselmitte und dem Leuchtturm, den die französischen Besatzer errichteten und der deswegen ein linksdrehendes Leuchtfeuer hat, als einziges Seezeichen an der Nordseeküste. Man erklimmt die Stufen und genießt den Rundumblick über die Dünen, die Täler, das Watt. Danach hat man sich den heißen Tee und einen frisch gebackenen Blechkuchen in der nur wenige Kilometer entfernten Weißen Düne verdient. Das Strandlokal am Oststrand, für viele der schönste der Norderneyer Strände, steht für diesen lässigen Vibe, der Norderney neuerdings auszeichnet. Ein langer Holzschuppen, an der Längsseite auf der Terrasse Strandkörbe. Im vorderen Bereich eine gemütliche Lounge mit Kaminfeuer. Zum Sonnenuntergang ist die Milchbar ein Muss. Bis zu 2000 Leute versammeln sich dann am Strand. Kleine Gruppen, die Flasche Weißwein im Sektkühler immer in Griffnähe. Es läuft Lounge Musik. Schöner als jedes Klischee.