Asturien - Spaniens Grüner Norden

Grün überwuchert sind die Steilhänge, die sich bis ans Meer drängen, smaragdgrün schimmern die tiefen Täler, grün sind die Eichen- und Buchenwälder, die Bären und Wölfe durchstreifen. In sattem Grün glänzen die Viehweiden in den Bergen, die man hier brañas nennt. Erstaunlicherweise ist die Rede von Spanien, genau genommen vom kleinen Fürstentum Asturien im Nordwesten der Iberischen Halbinsel.

Angrenzend an Galicien im Westen und an Kantabrien im Osten erwartet Besucher ein Spanien jenseits der gängigen Klischees – weit weg von Flamenco, Sangría und zubetonierten Küstenstreifen. Dafür eine Landschaft voller Kontraste, mit schroffen Gebirgszügen, verschwiegenen Wäldern und einsamen Stränden, die zu den schönsten Spaniens zählen. Perfekte kleine Buchten mit golden leuchtendem Sand, begrenzt von steilen Klippen. Die Unwegsamkeit der Gebirgswelt hat dafür gesorgt, dass sich die autonome Provinz ihre Ursprünglichkeit bewahrt hat, sich abseits vom Massentourismus unendlich viele Möglichkeiten für Entdeckungstouren bieten. Das gemäßigte Klima begünstigt das ganze Jahr über vielfältige Aktivitäten. Wandern, Mountainbiken, River-Rafting und Canyoning. Selbst während der Sommermonate wird es nie brütend heiß, sorgt die frische Luft aus den hohen Bergen für willkommene Abkühlung.

Angenehm bei einer Tour auf die Picos de Europa, die „Spitzen Europas“, die bis auf 2.600 Meter hoch ragen und so heißen, weil die schneebedeckten Gipfel das erste waren, was die nach Hause segelnden Amerika-Entdecker sichteten. Steil steigt der schmale Pfad an durch das zerklüftete Kalksteinmassiv, hinter jeder Kurve eröffnen sich neue Ausblicke. Drei Flüsse haben tiefe Schluchten in das Gebirge gefräst. Entlang der mittleren verläuft ein grandioser Wanderpfad, die 21 Kilometer lange Cares-Route, in die man bei Poncebos einsteigt. Auf schmalen, in den Fels gehauenen Pfaden folgt man dem Fluss, der tief unten gurgelnd dahinrauscht. An manchen Stellen rücken die Felsenwände der bis zu 1.000 Meter steil abfallenden Schlucht klaustrophobisch nah zusammen, dann passiert man Tunnels und winzige Brücken in schwindelerregender Höhe. Von den Küstengebirgen der Sierra del Sueve und der Sierra del Cuera, die sich unweit der Strände bis auf 1.000 Meter erheben, bieten sich fantasti- sche Panoramablicke aufs Meer. Oder man wählt gleich den Küstenpfad, der sich 320 Kilometer entlang der Atlantikküste schlängelt. Eine besonders eindrucksvolle Route führt von San Esteban bis zur Playa del Aguilar. Über 444 Stufen erklimmt man den Aussichtspunkt Espiritu Santo. Belohnt wird man mit einem spektakulären Blick auf die Mündung des Nalón, die Insel La Deva und die Küste bis Vidio Kap.

Ein Drittel der Fläche Asturiens steht unter Naturschutz, sechs Biosphärenreservate hat die UNESCO ausgewiesen. Der größte Eichenwald der Iberischen Halbinsel findet sich im Biosphärenreservat von Muniellos im Westen Asturiens, eine der spektakulärsten Touren führt zu den kristallklaren Gletscherseen des Pico de la Candanosa. Im Süden schließt sich der Naturpark Somiedo an, der als letzte Zuflucht der Braunbären gilt. Seine tiefen Steineichen- und Erlenwälder bieten den Braunbären einen intakten Lebensraum, wie auch den Wolfsrudeln und den über 100 Vogelarten, die hier heimisch sind. Flüsse, Schluchten, Auenlandschaften und Höhlen prägen die Landschaft im Biosphärenreservat von Redes im Flussgebiet des Nalón. Regionale Besonderheiten konnten sich in den traditionellen Bergdörfern bewahren, die sich an die Felsen zu klammern scheinen, die Häuser geschmückt mit den typischen Holzveranden. Wie auch den Hórreos, den quadratischen Getreidespeichern aus verwitterndem Holz, die auf Pfählen stehen, um die darin gelagerten Feldfrüchte vor unliebsamen Nagern zu schützen. Manche sind über 400 Jahre alt. Die eindrucksvollsten stehen in den Dörfern Bueño, Sletes und Espinaréu.

40 verschiedene Käsesorten werden in den Bergdörfern produziert. In Käsereien, die seit Generationen in Familienbesitz sind, die ausschließlich von Hand fertigen. Der berühmteste ist der Cabrales, ein delikater kräftiger Blauschimmelkäse, der in der salzig-feuchten Luft der Gebirgshöhlen drei bis sechs Monate heranreift. Der Cabrales aus einer Mischung von Kuh-, Schafs- und Ziegenmilch zählt zu den teuersten Käsen Spaniens. In einem der kleinen Gasthöfe kann man ihn mit Nüssen und Apfelgelee verkosten. Selbstverständlich begleitet von einem Glas Sidra, dem asturischen Nationalgetränk, um das ein regelrechter Kult veranstaltet wird. Das fachmännische Ausschenken des herben Apfelweins erfordert eine gewisse Sportlichkeit – und vor allem Treffsicherheit. Mit über den Kopf ausgestrecktem Arm wird er in hohem Bogen in das Glas gegossen, das auf Hüfthöhe vom ebenfalls ausgestreckten Arm gehalten wird, so dass der Wein auf seinem Weg von der Flasche ins Glas mit möglichst viel Sauer- stoff angereichert wird. Zum Ritual gehört, dass der Einschenker dabei nicht hinschaut. Sicherheitshalber tragen deshalb auch die geübtesten Sidrerías-Wirte feste Lederschürzen und auf dem Boden liegen zentimeterhoch die Sägespäne, die den verschütteten Wein aufsaugen.

Die perfekte Grundlage für das Nationalgetränk liefert der Fabada, ein deftiger Eintopf aus extragroßen weißen Bohnen, scharfer Chorizo, asturischen Blutwürsten und Beinschinken, allesamt von feinster Qualität. Das schmurgelt wenigstens zwei- bis drei Stunden auf dem Herd vor sich hin und verströmt einen unwiderstehlich appetitanregenden Duft. Längst hat die Gourmetszene Asturien erobert. Nirgendwo im kulinarisch begeisterten Spanien ist die Sterne-Dichte höher. Sechs Sterne-Restaurants gibt es auf einem Areal halb so groß wie Hessen, in denen fangfrischer Fisch und Meeresfrüchte, kreativ zubereitet, eine Hauptrolle spielen. Besonders chic geht es in der Showküche in dem vom brasilianischen Stararchitekten Oscar Niemeyer entworfenen Kulturzentrum in Avilés zu. Ein sensationelles Bauwerk, das sogar Brad Pitt und Woody Allen nach Asturien lockte.

Von der Avantgarde-Architektur der Jetztzeit ist es nur ein räumlicher Katzensprung zu den Anfängen der Menschheitsgeschichte in den Höhlen im Osten Asturiens, die seit 2008 als UNESCO- Weltkulturerbe gelistet sind. Im Zeitraum von 25.000 bis 10.000 v. Chr. schufen die Jäger und Sammler des Jungpaläolithikums ihre Gravuren und Malereien, beschworen mit der Darstellung von Hirschen und wilden Tieren ihr Jagdglück oder wollten Gefahr abwenden. Asturien kann auf eine reiche Geschichte zurückblicken. Die Reconquista, die Rückeroberung Spaniens von den Mauren, begann hier. 722 in Covadonga war die entscheidende Schlacht, ein Ereignis, das bis heute in der besonderen Verbundenheit des spanischen Könighauses und dem Fürstentum fortwirkt. Da passt es doch gut, dass Letitia, die Ehefrau des spanischen Thronfolgers, aus Oviedo kommt, der sehr sehenswerten Hauptstadt mit einem malerischen Altstadtkern.

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