Oman

Die Sonne steht im Zenit, die Temperatur ist hoch und die goldgelben Sandberge bieten eine imposante Kulisse für Akrams Auftritt und der sympathische Omani genießt ihn. Er reißt die Arme hoch, sucht singend einen imaginären Gefährten, findet ihn und beginnt einen begeisterten Tanz mit seinem unsichtbaren Partner. Augenblicke zuvor hatte sich der leidenschaftliche Tänzer mit einem monströsen japanischen Geländewagen ein Gebirge aus Sand heruntergestürzt, dass mir als Mitreisenden das Adrenalin in alle Adern gepresst wurde. Der Koloss hatte schnell Fahrt aufgenommen, Sand wurde auf beiden Seiten heftig aufgewirbelt und der Gigant war mit hoher Geschwindigkeit den steilen langen Abhang hinunter gerauscht. Der Wagendompteur und sein Mitfahrer schrien und lachten laut in einer Mischung von Verzweiflung und Begeisterung und als Akram, unten angekommen, mit einer eleganten Wende den Wagen glücklich abbremsen konnte, kannte der gemeinsame Jubel keine Grenzen mehr. Nun springt und tanzt Akram in der leuchtenden Sonne. „Das erste Mal geschafft, ohne dass ich mich überschlagen habe“, wird dem fotografierenden Mitreisenden begeistert entgegen geschleudert. Wer das erste Mal den Oman bereist wird positiv überrascht sein von der humorvollen Offenheit seiner Bewohner.

Die Fahrt setzt sich fort und wir erleben auf diesem Roadmovie von Maskat in Richtung Süden ein schier perfektes Straßensystem in einer eindrucksvollen Bergkulisse. Mein fahrender Begleiter schwadroniert über Land und Leute und singt das hohe Lied auf den Monarchen. Sultan Qabus ibn Said, der seit über 40 Jahren das Land mit scheinbar majestätischer Weitsicht regiert und es effizient modernisierte, ist bei vielen Einwohnern des Omans nach wie vor hoch angesehen. „Vor dreidutzend Jahren hatte der gesamte Oman zwei Krankenhäuser und ein paar asphaltierte Straßen in und um Maskat. Jetzt leben wir in einem der modernsten arabischen Staaten. Vielleicht liegt das auch daran, dass unser Staatsoberhaupt so lange bei euch in der Rheinarmee stationiert war, das bleibt nicht ohne Folgen. Schau dir die Blumenrabatte und die sauberen Autos an – jeden Samstag wird geputzt, sonst wird Strafe gezahlt“ erzählt mein erfahrener Wagenlenker lachend. Tatsächlich fällt auf, dass längs der breiten Straßen in den größeren Städten Blumenbeet den Weg säumen. der Monarch, der als junger Mensch die Militärakademie in Sandhurst durchlief und anschließend unter anderem in Deutschland diente, öffnete sich schon früh dem Reisen. Er profitierte von den Eindrücken, die er auf verschie- denen Welttouren machte und zurück in Maskat konfrontierte er den arabischen Horizont mit seinem Erlebten.

Das Resultat ist der omanische Weg, nicht so glitzernd überheblich wie in den arabischen Emiraten, sondern eher bodenständig und selbstbewusst. „Wir waren als Seefahrer auf der ganzen Welt zuhause, da weiß man, was man an eigenen Gefilden hat“, philosophiert Akram weiter und lässt die karge Bergwelt hinter sich. Neben der Straße tauchen die ersten Dromedare auf, Beduinen führen sie am langen Leder in Richtung Norden. Für uns heißt es Pause machen, die lange Reise durch das Morgenland fordert schließlich Tribut. Wir biegen ab zum Wadi Bani Khalid und werden empfangen von einem malerischen Ruhepol am Wasser. Das Flusstal ist beschützt durch hohe Palmen, ein kleines Paradies in einem schrof- fen Gebirge, hier heißt es umgehend die Denim mit der Badehose zu tauschen und sich in die weichen Fluten zu stürzen. Das Wadi meint es gut mit seinen Besuchern und gibt einem ausreichend Erfrischung für die Weiterfahrt. Nach kargen Gebirgen und großzügigen Flusstälern, nach Kamel- und Ziegenherden, nach diversen Minztees, die wir mit gastfreundlichen Omanis trinken, beschließen wir, dass es genug ist mit Wüste und weitem Land, Maskat, die Hauptstadt ist unser neues Ziel.

Ali Bahar, der wahlverwandte Reggae- bruder aus dem Bahrain liefert uns den melodischen Soundtrack für die Rückfahrt. Animiert vom arabischen Jamaika/Bahrain- Sound übernimmt mein selbsternannter Fremdenführer lautstark die erste und zweite Stimme und überlässt mir freundli- cherweise das Armaturenbrett als Schlagzeugersatz. So fahren wir, hochgetunt zu einem Miniorchester, unüberhörbar in Richtung Capitale. Schon aus der Ferne zeichnet sich das weiße Häusermeer vor dem blauen Horizont ab, wobei nur 30 – 40.000 Menschen im eigentlichen Zentrum leben. Akram fährt mich zur Einstimmung direkt an die Hafenstraße in Alt Maskat, die großzügige Corniche verbindet die Bauten der frühen Tage mit den heutigen modernen Hafenanlagen. Stolz erzählt der musikalische Wagenlenker von positiven Baufortschritten der letzten Jahre: „Früher lagen hier nur ein paar Dhaus, jetzt kommen die großen Kreuzfahrtschiffe und sind die einzigen Hochhäuser des Hafens“. Tatsächlich ist die Bauhöhe der Häuser auf 4 bis 5 Etagen begrenzt, was den orientalischen Charakter aus der Ferne noch unterstreicht und ebenfalls als positiver Kontrast zu Dubai zu verstehen ist. Der erste und letzte Cappuccino des Tages schmeckt stets im Cafe Costa, unweit der grünblauen Wasserlinie, koffeingestärkt wird endlich der Basar in Angriff genommen.

Es wird stattdessen mit den Händlern über den Fischfang, die Tuchherstellung und das Ernten des Weihrauchs diskutiert, gerade das Abbrennen desselben, vermischt mit Myrrhe und Lorbeer, erinnert mich umgehend an die Gottesdienste meiner Kindheit. Mein freundlicher Begleiter muss wieder laut lachen, schlägt mir auf die Schulter und erklärt, dass ich erst in ein Sultanat kommen musste, um mich an die Wurzeln meines Glaubens zu erinnern, ich sei ja ein lustiger Gläubiger. In der Gemeinschaft der Gläubigen ist die Auslegung des Islam auch eher als liberal zu bezeichnen. Der Sultan hat den 5% Christen im Lande nicht nur Gelände zur Verfügung gestellt, sondern Kirchen wurden mitfinanziert und der Kirche in Maskat ist gar eine deutsche Orgel spendiert worden. Diese Offenheit gegenüber Andersdenkenden findet auch auf dem Basar ihr Spiegelbild, jeder ist interessiert und lässt sich gern auf einen Smalltalk ein, doch ohne dem Gegenüber zu nahe zu treten, wie man es leider oft von anderen arabischen Souks kennt... So wird der lohnende Besuch am späten Abend im Gartenrestaurant Kaargen abgerundet, die Küche ist in- disch-arabisch geprägt und zum Mokka sollte die Wasserpfeife bestellt werden.

Spätestens als der Blick sich zum Himmelszelt wendet und der Golf von Oman durch tausende von Sternen illuminiert wird, verschafft sich mein freundlicher Landeskundler wieder Gehör: „Das ist wie zu Sindbads Zeiten, das größte Navigationsgerät der Welt, damit segelten unsere Vorfahren bis ans Horn von Afrika und noch viel weiter“. „Womöglich bis ans Ende der Welt... aber nicht mehr heute, ich bin müde...“ war meine schläfrige Antwort, die viel- fältigen Eindrücke ließen mich glücklich erschöpft in die Autositze rutschen. Ich wurde am Chedi-Maskat abgesetzt und mit dem Versprechen entlassen, dass ich in den nächsten Tagen noch mehr Unbekanntes aus 1001 Nacht kennen lernen würde. Meine Herberge war die konsequente Fortsetzung dieses Gelübdes, weiße Mauern in zurück genommener Architektur, kein Prunk und orientalische Anmaßung, sondern dezentes Design in omanischer Baukultur.

Beim morgendlichen Schwimmen war es mir kaum möglich, den Poolrand vom offenen Meer zu unterscheiden, so perfekt hatten die Architekten die Illusion genährt. Feng Shui stand helfend zur Seite, als es um die Gestaltung der Hotelräume und Suiten ging und eine edel puristische Ausstrahlung dominiert die gesamte Anlage. So fällt es mir nicht leicht, das Chedi morgens zu verlassen, um tagsüber wieder in die Schätze des Morgenlandes einzutauchen, doch ein Besuch der Großen Moschee stellt das frühe Highlight des Tages da, jeden Morgen von Samstag bis Donnerstag jeweils zwischen 8 und 11 Uhr steht sie allen Glaubensrichtungen offen.

Gerade der frühe Vogel findet hier ein orientalisches Festessen, allein zu sein auf einer sakralen Fläche, die 20.000 Gläubigen Platz zum Gebet bietet, ist wahrlich eindrucksvoll und sich im Gebetsraum auf dem größten zusammenhängenden Tep- pich der Welt zu befinden, steigert diesen Eindruck noch nachhaltig. Verlässt man das Gotteshaus, sorgt ein intelligentes System an unterirdischen Wassertanks dafür, dass die nackten Füße immer gut gekühlt werden auf dem großflächig angelegten Moscheegelände. Diese Moschee ist viel mehr, als nur ein Platz um den Glauben zu studieren und zu atmen – so steht neben der imposanten Architektur das satte Grün des Moscheegartens und die vielen Wasserspiele und Gräben für das große kosmische Ganze. „Hier spüre ich unter dem Moscheen- dach, aber auch in jeder Pflanze, an jedem Wasserlauf die Gegenwart Allahs“ – einfacher und plastischer als Akram hätte ich es nicht beschreiben können.

Schwer beeindruckt vom Bau und der Kraft des Glaubens, heißt es meinen Mangel an Landes- und Volkskunde ein wenig in Angriff zu nehmen. So treibt uns der Wissensdurst ins Bait al Zubair Nationalmuseum, mein Begleiter wird wieder zum Lehrer und erzählt ausgeschmückt mit ara- bischen Ornamenten vom Leben und Wirken der omanischen Wüstensöhne, von Karawanen, die schwer behängt die Schätze des Südens in die Häfen des Nordens brachten. Die Schautafeln und Weltkarten werden zur geografischen Stütze, als er das Wüstenland erzähltechnisch verlässt und die Abenteuer Sindbads und der anderen Seefahrer bildreich mir plastisch nahe bringt.

Nach derart viel Glaubens- und Wissensvermittlung steht mir der Sinn nach etwas Leichtem und mein Lehrer versichert mir, dass selbst dieses Bedürfnis im Radius von 5 Kilometern befriedigt werden kann. Denn was ist leichter und beschwingter als ein anregender Duft? Für den Liebhaber orientalischer Duftwelten geht es umgehend in Richtung „Amouage“. Sultan Qabus ibn Said ließ vor knapp 30 Jahren den Guru der Parfümeure Guy Robert aus Paris in den Oman reisen, damit er, durch die orientalische Atmosphäre animiert, den Duft für 1001 Nacht kreieren sollte. Guy Robert kam dem Ansinnen gern nach und schuf aus ca. 120 verschiedenen Essenzen, darunter Rosenwasser, Myrrhe, Ambra, und natürlich Weihrauch und Zedernholz, das Parfüm seiner Majestät „Amouage“. In einer kleinen und unscheinbaren Werkstätte wird permanent an Ergänzungen und neuen Kreationen in der Welt arabischer Düfte geforscht und gearbeitet und längst ist man nicht mehr allein auf die europäische Unterstützung angewiesen, sondern praktiziert auch hier den omanischen Weg. Mittlerweile ist das schwere Duftwasser nicht nur bei Insidern in Europa populär, es ist in allen ausgesuchten Edelparfümerien zwischen London und New York ein Begriff. Die Produktion ist aufwändig, die Flaschen werden einzeln abgefüllt und das gesamte Prozedere verdient wahrlich den Namen Manufaktur.

Eingehüllt in eine Duftwolke geht es direkt zum Meer, hier heißt es endlich selbst zum Sindbad werden und eine Dhau oder einen Katamaran entern, um den Abend vor der pittoresken Kulisse Maskats auf hoher See zu verbringen. Über den Klippen der Hauptstadt liegen wie die Säulenfundamente eines mittelalterlichen Torbogens die beiden portugiesischen Festungen Fort Mirani und Fort Jalali. Im 16. Jahrhundert waren sie die Han- delsvorposten, heute dienen sie nur noch als unvergleichliche Kulisse für das Hafenpanorama der Hauptstadt.

Die Sonne verabschiedet sich vom Tag und das Schauspiel der blauen Stunde, die alles in ein majestätisches Blue Marine taucht, beginnt jeden Abend von Neuem. Diesen Auftritt heißt es vom Meer aus zu genießen, wenn sattes Blau zu samtschwarz wird und über der Stadt der Sternenhimmel wieder zum nautischen Hilfsmittel der Seefahrer wird, kehrt Ruhe ein und man spürt die magische Verbundenheit des Wüstenstaates mit seinem Meer.

 

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