Salzburg

Die schönste Bühne der Welt

Wer in den Himmel will, muss erst einmal in die Hölle. Aber nein, es reicht, wenn man in den Berg hinein steigt. Genau genommen in den Mönchsberg. Dort den Lift nimmt, der in den Felsen geschlagen wurde. Oben angekommen eröffnet sich ein so berauschender Blick auf die prachtvolle Salzburger Barockkulisse, dass einem der Atem stockt. Zum Greifen nah scheint die auf dem Festungsberg thronende Hohensalzburg, mächtigste mittelalterliche Festung Europas und niemals von Feinden erstürmt. Drunter leuchten die Kuppeln vom Dom, von wo zur Festspielzeit an jedem Abend die Jedermann-Rufe erschallen und diesen Sommer Brigitte Hobmeier als Buhlschaft glänzt. Weiter schweift der Blick über die Dächer der behäbigen Bürgershäuser zur Residenz der mächtigen Fürstenbischöfe. Unten fließt die Salzach, der die Stadt ihren Reichtum verdankt. Auf dem kalkig schimmernden Fluss, der in den Kitzbüheler Alpen entspringt, wurde das „weiße Gold“ transportiert, das die fürstlichen Bischöfe unermesslich reich machte und die ungeheure Prachtentfaltung ermöglichte.

Salzburg ist ein Gesamtkunstwerk, ein Ensemble, in seiner Geschlossenheit so berückend schön, dass jeder noch so kleine Eingriff mit vorhersehbarer Regelmäßigkeit zu heftigsten Diskussionen führt. Und wer als Besucher kommt, will genau das Salzburg sehen, das sich die fürstlichen Erzbischöfe als Zentrum ihrer Macht auf Erden bauten, die liebevoll gepflegten Traditionen erleben, die Salzburg unverwechselbar machen. Die Kaffeehäuser wie das Tomaselli, das es schon zu Mozarts Zeiten gab, von dessen zierlichem Balkon man die Fiaker gemächlich vorbeirollen sieht. Und wer würde vermuten, dass auf der berühmten Getreidegasse, wo schnatternde japanische und chinesische Reisegruppen vor Mozarts Geburtshaus drängeln, noch Handwerksbetriebe existieren, in denen wirklich produziert wird? Der Kunstschmied Wieber, bei dem man schmiedeeiserne Gitter nach historischen Vorbildern fertigen lassen kann, der Schirmmacher Kirchtag, dessen handgefertigte Stockschirme so schmeichelnd in der Hand liegen, dass man sie selbst bei Sonnenschein nicht aus der Hand legen mag.

Ins Salzburger Lebensgefühl eintauchen heißt, sich durch die verwinkelten Gassen treiben lassen, Goldgasse, Steingasse und Kaigase. Über mediterran anmutende Plätze mit restaurierten Renaissance-Fassaden schlendern. Bei jedem Gang durch die reich geschmückten Durchhäuser etwas Neues entdecken, Auf dem Mönchsberg nach den Traklgedichten suchen. Bis zu seinem 21. Lebensjahr wohnte der große Lyriker an der Salzach und schrieb einige der schönsten und melancholischsten Hymnen an seine Heimatstadt. Neun Gedichttafeln sind an Trakl-Orten angebracht. Auf dem Grünmarkt ein Würstl essen, mit frisch gerieben Kren, versteht sich. Hoch zur Festung, nicht mit der Standseilbahn, sondern zu Fuß hinaufsteigen und sich von den immer neuen Ausblicken überraschen lassen. Einmal ganz früh am Morgen durch die Getreidegasse spazieren, um sie fast für sich allein zu haben, dann einen Schlenker zum Makartsteg machen, dem die zu Tausenden angebrachten „Liebesschlösser“ einen rechten Kitsch-Faktor verpassen.

Die schönste Bühne der Welt, wie Hugo von Hofmannsthal Salzburg enthusiastisch nannte, wird auch mit neuen Stücken bespielt. Der Unipark im Nonntal ist ein überzeugendes Beispiel zeitgenössischer Architektur. Von seinem lässigen Dachterrassecafe schaut man auf die Festung und die schneebedeckten Alpengipfel. Das Mozarteum am Mirabellgarten ein weiteres. Hingehen und den Studenten zuhören, die bei geöffnetem Fenster musizieren. Kleine feine Nadelstiche ins Altstadtbild setzen die Kunstinstallationen der Salzburg Foundation. Heftig gestritten wurde wegen Markus Lüpertz Hommage an Mozart, weil er seine Skulptur mit weiblichen Rundungen versah.

Im Nonntal, einem der ältesten Viertel, das sich bis heute eine eigene Atmosphäre bewahrt hat, entwickelt sich gerade etwas Spannendes. Galerien und Designläden eröffnen. Und ein Koch serviert in seinem Popup Restaurant „Gegengifte“, die ungewohnt und aufregend schmecken. Wie eine Symbiose von Alt und Neu gelingen kann, lebt einer wie Andreas Grferer vor, der im ältesten Gasthaus Salzburgs, einem Ensemble von fünf Jahrhunderte alten Häusern mit mächtigen, Ehrfurcht gebietenden Mauern, ein supercooles Arthotel platziert hat. Mit seiner umfassenden Sammlung moderner Kunst können die Gäste leben. Nichts drängt sich auf. Das gefiel auch dem Kunst-Star Jonathan Meese, der gleich mehrere Wochen in der Blauen Gans wohnte. Andreas Gfrerer hat ein ungewöhnliches Fenster aufgemacht zur Bühne der Welt. Von der Restaurantterrasse der Blauen Gans hat man einen Logenplatz, um den Festspielauftrieb, der die Mozartstadt Jahr für Jahr in einen Ausnahmezustand versetzt, zu beobachten. Dazu lässt man sich ein Backhendl servieren. Wir sind immer noch in Salzburg.